Über diese bei allen, die sich beruflich mit Licht befassen, viel diskutierte Frage teilen sich nach wie vor die Meinungen, wobe es nicht so sehr um das Problem an sich, sondern um die unterschiedlichen Interpretationen der Realität geht.
Die Frage ist jedenfalls nicht nur ein Thema für philosophische Betrachtungen, sondern lenkt konkret die Arbeit jener, die sich mit der Festlegung der Eigenschaften des architektonischen Raums beschäftigen.
In dieser Ausgabe von Incontroluce sind einige Beispiele aufgeführt, in denen die Auseinandersetzung mit dieser Frage deutlich zum Ausdruck kommt.
Während das Werk von Dean Skira mit seinen Licht- und Farblinien unzweifelhaft dazu beiträgt, dem gebautem Raum ein bestimmtes Bild und eine bestimmte Dimension zu verleihen, behandelt Satoshi Uchihara die Architektur als etwas Verwandelbares nach dem Motto: “Architektur ist rechteckig, mit Licht wird sie rund”.
Diese unterschiedlichen Planungsansätze - die Schaffung eines Raumes oder die Wiedergabe seiner Gestalt - lassen sich in einer größeren, über das Bauliche hinausgehenden Dimension auch auf die Landschaft ausdehnen. Der Hügel, auf dem Assisi liegt, vermittelt auch im nächtlichen Erscheinungsbild die beeindruckende Präsenz der großen Basilika S. Francesco.
Durch das künstliche Licht wird sie nicht nur als Bauwerk, sondern vor allem als historische und kulturelle Sehenswürdigkeit in der vertikalen Landschaft Umbriens in Szene gesetzt wird.
Auf die gleiche Weise will der spätbarocke Baustil des monumentalen Peterhof-Komplexes bei Nacht noch beeindruckender in Erscheinung treten und lässt deshalb die nach italienischem Vorbild gestaltete Parkanlage vor dem Schloss bewusst im Schatten.
Ganz anders ist es bei der Verbrennungsanlage Lynetten, die dank des Lichts zu einer leuchtenden Skulptur wird und der Hafenlandschaft, in der sie sich erhebt, ein neues Gesicht verleiht. Das Licht nimmt hier eine eigene Gestalt an, unabhängig vom Objekt, mit dem es interagiert.
In anderen Fällen, wie bei der Skulptur Timber Wave, die nichts anderes als die Erstarrung der vom Eingang des Victoria and Albert Museums über die Fassade hinausgehenden Lichtvibrationen ist, nimmt das Licht eine konkrete physische Gestalt an.
Und mit einem gewagten Gedankensprung möchte ich an das Werk von Architekt Josep Mias anknüpfen, der bei der Bestimmung der architektonischen Form des iGuzzini Geschäftssitzes in Barcelona dem Licht Form geben wollte. Er verwirklichte dies sowohl durch den vielschichtigen Licht- und Schattenkontrast der Konstruktionen als auch durch die Transparenz der Fassade. Gleichzeitig schuf er dabei eine unübersehbare Präsenz im landschaftlichen Kontext.
In Recanati verwandelt das Licht hingegen die Gestalt des Light Laboratory: geschlossen und undurchlässig zur Tageszeit, offen und transparent zur Nachtzeit. Vielleicht ist es das deutlichste Beispiel für die Frage, auf die sich dieser Artikel bezieht: Hat Licht eine eigene Gestalt oder gibt es den Dingen Gestalt?